Eure Workshops sind voller Beiträge und danach passiert nichts.
Zwei Sätze, die nicht zusammenpassen wollten
Diese Woche hatte ich zwei Gespräche, die nichts miteinander zu tun hatten.
Im ersten sagte Ben Harmanus einen Satz, der hängen blieb: „Menschen begegnen sich nicht mehr als Menschen, sondern als Schubladen.“
Im zweiten saß ein Kollege mir gegenüber, nachdem er den größten Teil der Woche in einer Schulung für Betriebsrät:innen verbracht hatte. Er sagte: „Alle wollen mitreden, keiner will mitgestalten.“
Ich habe beide Sätze mitgeschrieben. Sie hallten in mir nach. Der eine klang nach Gesellschaft, der andere nach Arbeitsalltag.
Erst ein paar Tage später ist mir aufgefallen, dass der zweite Satz die Folge des ersten beschreibt.
Über Schubladen habe ich schon geschrieben. In „Der wirksamste Punkt für euer Teamklima sitzt weiter unten“ endet die Geschichte damit, dass jemand merkt, wie leicht er Menschen einsortiert.
Damals war das der Schluss. Heute ist es der Anfang.
Denn Schubladen sind keine Charakterschwäche. Menschen sortieren einander in Kategorien, weil das schnell geht und meistens reicht. Im Konzern bekommt jede Kategorie noch ein Schild: IT, HR, Einkauf, Fachbereich, Projektleitung oder Betriebsrat. Wir sprechen über „die …“ in ihrer Abwesenheit.
Wer als Rolle kommt, liefert eine Position
Wenn ich in meiner Rolle als … eingeladen werde, ist mein Beitrag die Sicht dieser Rolle. Das ist sogar korrekt. Der Betriebsrat vertritt die Belegschaft, der Einkauf vertritt die Kosten, die IT vertritt die Machbarkeit.
Eine Position lässt sich formulieren. Dafür reicht eine Wortmeldung.
Mitgestalten verlangt mehr. Mitgestalten verlangt, die eigene Position zwischendurch abzulegen, um eine Lösung zu bauen, die der eigenen Rolle vielleicht gar nicht nützt. Wer das tut, kann es im Heimatbereich schlecht begründen.
Ein Beispiel, das Du vermutlich kennst: In der Runde sitzen acht Funktionsvertreter:innen. Jede:r sagt, was aus ihrer/seiner Sicht zu beachten ist. Am Ende stehen vierzehn Punkte auf dem Flipchart, jeder für sich berechtigt, und zusammen ergeben sie keinen Sinn.
Niemand hat sich falsch verhalten. Alle haben genau das geliefert, wofür sie eingeladen wurden.
Deshalb liefern Runden aus Rollen zuverlässig Meinungen. Sie liefern selten eine konkrete Lösung. Und wer von außen schaut, sieht Menschen, die reden wollen und nicht gestalten.
Die Leitersprosse, auf der die meisten Formate stehen
1969 hat Sherry Arnstein eine Leiter mit acht Sprossen beschrieben, von Manipulation ganz unten bis zur vollen Kontrolle oben. In der Mitte, auf den Sprossen drei bis fünf, sitzen Information, Anhörung und Beschwichtigung. Arnstein nennt diese Mitte Tokenism.
Ihr Satz dazu ist hart: „Participation without redistribution of power is an empty and frustrating process for the powerless.“

Die meisten Beteiligungsformate, die ich in Transformationen gesehen habe, sitzen auf Sprosse vier. Es wird gefragt. Es wird zugehört. Die Entscheidung fällt anderswo.
Das Verräterische daran ist, dass Sprosse vier sich von oben gut anfühlt. Es gab einen Workshop. Es gab Beiträge. Es gab ein Protokoll. Von unten fühlt es sich anders an, und zwar spätestens beim zweiten Mal, wenn klar wird, dass aus den Beiträgen des ersten Mals nichts geworden ist.
Arnstein beschreibt Bürgerbeteiligung in der amerikanischen Stadtplanung der sechziger Jahre, nicht euren Workshop. Die Übertragung in die heutige Arbeit ist meine, nicht ihre.
Woraus Verantwortungsgefühl entsteht
Warum reicht Zuhören nicht? Dazu gibt es eine brauchbare Antwort aus der Organisationsforschung.
Pierce, Kostova und Dirks haben 2001 beschrieben, wie Menschen das Gefühl entwickeln, dass etwas ihnen gehört. Drei Wege führen dahin:
- Kontrolle über die Sache
- genaue Kenntnis der Sache, und
- die Investition des eigenen Selbst in die Sache.
Jetzt leg eine typische Beteiligungsrunde daneben.

Kontrolle: keine, die Entscheidung fällt woanders.
Genaue Kenntnis: begrenzt, man bekommt eine Folie und neunzig Minuten.
Investition des Selbst: gering, man hat einen Beitrag gesagt.
Keiner der drei Wege ist offen. Dass am Ende niemand Verantwortung übernimmt, ist dann kein Rätsel. Es ist das Ergebnis des Formats.
Du kennst den Gegentest aus eigener Erfahrung. Denk an etwas, das Du selbst aufgebaut hast, eine Struktur, ein Team, ein Vorgehen. Du hattest Kontrolle über euren Weg, Du kanntest die Arbeit wie Deine Westentasche, und Du hast einen Teil von Dir hineingesteckt. Darüber redest Du anders als über das Ergebnis eines Workshops, in dem Du einmal etwas gesagt hast.
Der zweite Satz, „Alle wollen mitreden, keiner will mitgestalten.“, beschreibt also nicht die Menschen in diesem Raum. Er beschreibt, was der Raum mit ihnen macht.
Mitgestalten gibt es nicht umsonst
Wir könnten an dieser Stelle den bequemen Schluss ziehen, dass mehr Eigentum immer besser ist. Die Forschung sagt das nicht.
Mehrere Studien fanden keine Leistungssteigerung durch psychologisches Eigentum. Und es sind Schattenseiten belegt: Territorialität, das Zurückhalten von Wissen, Ablehnung von Ideen anderer, Widerstand gegen Veränderungen am eigenen Gegenstand.
Wer sich etwas zu eigen macht, verteidigt es auch. Das kennst Du vermutlich aus jeder Portfoliorunde, in der niemand sein Vorhaben beenden will.
Daraus folgt etwas Unbequemes für Dich als Transformationsverantwortliche. Du kannst Mitgestaltung nicht überall ausrufen. Du musst entscheiden, wo Du sie wirklich willst, und das von vornherein klar machen.
Drei Dinge, die ich vor der nächsten Runde klären würde
Alle drei habe ich erlebt und moderiert.
- Sag vor dem Termin, auf welche Leitersprosse er stattfindet. Wird hier informiert, angehört oder entschieden? Dieser eine Satz in der Einladung nimmt mehr Frust heraus als jede Moderationstechnik. Wer weiß, dass er angehört wird, fühlt sich nicht übergangen, wenn er angehört wird.
- Benenne die Entscheidungsstufe, nicht nur das Thema. Zwischen „ich entscheide und informiere euch“ und „ihr entscheidet, ich trage es mit“ liegen mehrere Stufen. Sie lassen sich benennen und aushandeln, bevor jemand den Raum betritt.
- Lade Menschen mit Namen ein und lass sie sich als Menschen begegnen. Eine Einladung an die Funktion bringt die Position der Funktion in den Raum. Eine Einladung an eine Person, die seit zwölf Jahren in diesem Werk arbeitet, bringt möglicherweise etwas anderes mit. Beginnt die Runde mit einem Moment persönlicher Verbindung, zum Beispiel durch die Frage „Was bringt ihr mit, und was würdet ihr gerne mitnehmen?“

Was auf Deiner nächsten Einladung steht
Schau Dir die letzte Einladung an, die Du verschickt hast.
- Standen dort Namen oder Funktionen?
- Stand irgendwo, was mit den Beiträgen passiert?
Wenn beides fehlt, bekommst Du Meinungen.
Die Menschen in Deinem Raum sind daran nicht schuld.
