Ein Auto hebt zehn Meter ab, und der erste Reflex im Netz lautet: das ist KI.
Wer fremde Lösungen abwertet, spart sich die Frage, warum er sie selbst nicht hat.
Zehn Meter, dann Spott
Diese Woche ist auf einem Gelände in Texas ein Auto rund zehn Meter senkrecht aufgestiegen, hat sich in der Luft um die Querachse gedreht und ist wieder gelandet. Angetrieben von Druckluftdüsen, entwickelt mit SpaceX. Vorher war es einen halben Looping hochgefahren und stand kopfüber, gehalten von Saugventilatoren.
Der erste Reflex in den sozialen Netzen: Das ist KI.
Mich interessiert hier nicht das Auto. Mich interessiert der Reflex. Denn er kostet etwas. Den Preis zahlen andere. Wer eine fremde Lösung abwertet, spart sich die Frage, warum er sie selbst nicht hat. Das ist die teuerste Ersparnis, die eine Organisation machen kann. Sie fühlt sich wie Urteilsvermögen an, ist jedoch nur eine Abwehrreaktion.
Prüfen oder abwerten
Ich habe nachgesehen, was die deutsche Presse tatsächlich geschrieben hat, weil ich eine andere These im Kopf hatte.
Die Berliner Zeitung berichtet sachlich und setzt Vorbehalte: „sollten sich die Werte bestätigen.“ „Die Rocket-Version ist nicht für den Straßenverkehr zugelassen.“ „Der Prototyp von 2017 hatte Produktionsziel 2020, und dieser Termin wurde verpasst.“ „Preise und ein verbindlicher Produktionsbeginn stehen aus.“ „Das Reservierungsmodell ist dasselbe wie 2017.“
Das ist kein Spott. Das ist sachliche Bewertung.
Hier liegt die Unterscheidung, die wichtig ist: Prüfen und abwerten sehen von außen gleich aus, beide klingen skeptisch. Prüfen senkt die Unsicherheit, sie fragt nach Zahlen, Zulassung, Terminen. Abwerten senkt den Anspruch, es erklärt die Sache für unecht oder unwichtig und zieht dann weiter zum nächsten Thema.
Prüfen endet mit einer Frage. Abwerten endet mit einem Urteil.
Zwei Standorte, ein Prototyp
Dieses Muster saß vor ein paar Wochen bei mir im Büro.
Ein Standort hatte ein neues Konzept entwickelt und den Prototyp gebaut. Gute Arbeit, nachweisbar funktionierend. Dann sollte es an die anderen Standorte gehen.
Der Umfang des Roll-outs wurde heruntergespielt. Der erwartbare Widerstand wurde ignoriert. Was folgte, war vorhersehbar: Spannungen, dann Eskalation über die Hierarchie.
Und hier wird es unbequem, denn die Abwertung hatte eine Ursache. Die empfangenden Standorte hatten nicht mitgebaut, nicht mitentschieden, nicht einmal den vollen Umfang gesehen. Wer nur das Ergebnis geliefert bekommt, hat zu dem Ergebnis nur eine Meinung. Darüber habe ich letzte Woche geschrieben, in „Warum eure Beteiligung nur Meinungen produziert“. Ein Roll-out ohne Beteiligung erzeugt genau diesen Reflex.
Ich bin hart geblieben, bis ein minimales lokales Team zugesichert war. Danach haben wir keine neue Lösung gebaut. Wir haben mit bestehenden Mitteln und unseren Netzwerken einen Weg gefunden, der Geld spart, und setzen ihn gerade um.
Das ist der Ausgang, den ich Dir empfehlen würde. Und es ist der Teil, der mich stört. Es hat die Sturheit einer einzelnen Person gebraucht, damit ein Standort drei Leute bekommt. Wo ein System Wahrheit sicher macht, braucht es keine Helden. Hier hat es einen gebraucht, und das ist kein Erfolg, sondern ein Befund.
Nicht erfunden, also schlecht
Dafür gibt es einen Namen und Forschung, und beides beschreibt Gruppen, nicht Völker.
Katz und Allen haben 1980 das Not-Invented-Here-Syndrom an 50 Entwicklungsgruppen untersucht: die Neigung einer Gruppe, externes Wissen abzuwerten, je länger sie nur alleine arbeitet. Nicht aus Bosheit. Aus Gewöhnung an die eigene Sicht.
Staw, Sandelands und Dutton haben 1981 beschrieben, was Gruppen unter Bedrohung tun: Sie verengen ihr Verhalten und greifen stärker auf das zurück, was sie schon kennen. Threat-Rigidity. Genau dann, wenn Weite nötig wäre.
Beides zusammen erklärt den Reflex besser als jede Charakterfrage. Eine Gruppe, die lange für sich allein arbeitet und sich bedroht fühlt, wertet Fremdes ab und macht weiter wie bisher. Das ist keine Schwäche einzelner Menschen. Das ist eine Eigenschaft von Systemen unter Druck.
Und es ist der Grund, warum dieses Verhalten so teuer ist. Wer abwertet, verpasst die entscheidende Information: dass es geht.
Drei Fragen vor der Runde
Die ersten zwei habe ich erlebt und moderiert. Die dritte ist eine Überlegung.
- Was genau ist hier bewiesen, und was ist nur behauptet? Die Trennung dauert zwei Minuten und ersetzt die halbe Diskussion. Beim Roadster: der Aufstieg war zu sehen, die 0,81 Sekunden auf 60 mph waren eine Angabe.
- Wenn es stimmt, was heißt das für uns? Diese Frage ist unbequem, weil sie zur Antwort führt, dass jemand anders etwas kann. Sie ist der einzige Weg, aus einer Nachricht einen Vorteil zu machen.
- Wer bei uns durfte an dieser Sache mitbauen? Wenn die Antwort niemand lautet, ist der Widerstand keine Haltung, sondern ein Konstruktionsfehler.
Der Ausweg ist dabei fast nie, die fremde Lösung zu kopieren, und er ist nie, eine eigene zu bauen, nur damit sie eigen ist. Bei uns waren es bestehende Mittel und vorhandene Netzwerke, in kleinen Schritten zusammengesetzt. Das Fremde war der Beweis, dass es überhaupt geht. Mehr hat es nicht beigetragen, und mehr musste es nicht.
Was Du zuerst sagst
Denk an die letzte Nachricht über einen Wettbewerber, die euer Meeting in Unruhe versetzt hat.
Was war Dein erster Satz dazu? Eine Frage oder ein Urteil?
Wenn es ein Urteil war, hast Du die wichtige Arbeit nur aufgeschoben.
Belege
- Not-Invented-Here: Ralph Katz und Thomas J. Allen, An empirical test of the Not Invented Here Syndrome, MIT Sloan School of Management, Working Paper 1114-80, 1980, veröffentlicht in R&D Management.
- Threat-Rigidity: Barry M. Staw, Lloyd E. Sandelands und Jane E. Dutton, Threat-Rigidity Effects in Organizational Behavior: A Multilevel Analysis, Administrative Science Quarterly 26(4), 1981, Seiten 501 bis 524.
- Zur Vorstellung des Roadster und zur Berichterstattung: teslamag.de, Berliner Zeitung und t-online, alle vom 16./17.10.2026.
Die Grenzen meiner Geschichte
Ich bin mit einer anderen These in diesen Text gegangen, nämlich dass wir in Deutschland das Problemlösen verlernt haben und darum kleinreden. Ich habe für diese These keinen Beleg gefunden. Was ich gefunden habe, war eine Presse, die prüft, und eine Kommentarspalte, die abwertet. Das sind zwei verschiedene Dinge, und sie gehören nicht in einen Satz.
Zwei weitere Grenzen. Ich habe drei Veröffentlichungen gelesen, das ist keine Medienanalyse. Und die Arbeit von Staw, Sandelands und Dutton ist eine Zusammenführung von Befunden über mehrere Ebenen, kein einzelnes Experiment, das den Effekt für Deine Organisation beweist.
Die oft zitierten Zahlen aus Katz und Allen zur Laufzeit von Gruppen habe ich bewusst weggelassen. Die Zitation steht, die Zahlen konnte ich nicht bis zur Primärquelle verfolgen.
