Nimm die Regeln weg, und der Lauteste übernimmt
Jul 26, 2026
Was ich lernte, als ein Team sich ohne Führung organisieren wollte.
Der Rat, den alle geben
Du sollst deine Teams selbstorganisieren lassen. Weniger Hierarchie, weniger Vorgaben, mehr Freiheit. Der Rat klingt modern und menschlich. Ich habe ihn ausprobiert, radikal.
„Fangt einfach an.“
Für eines meiner Teams musste eine Leitung gefunden werden. Statt jemanden zu ernennen, habe ich das Team gefragt: Wie wollt ihr geführt werden? Die Rückfrage kam sofort: Wie weit dürfen wir denken? Meine Antwort: Fangt einfach an und schaut, was für euch Sinn ergibt.
Ich hatte keine fertige Lösung. Das war ehrlich, und es war unbequem.
Eine Woche später kam ihr Vorschlag: Lass uns ganz ohne Teamleitung arbeiten, begleite uns als Coach. Genau das habe ich gemacht.
Zuerst kam die Anarchie
Die ersten Wochen waren ein Vakuum. Und ein Vakuum füllt sich. Der Lauteste im Team setzte sich durch, nicht der mit den besten Argumenten. Ohne Struktur wurde die Hierarchie nur unsichtbar, und sie lief über eine einzige Person.
Das mit anzusehen, war unbequem, gerade weil ich es selbst so gewollt hatte.
Die Wende kam von der überraschendsten Seite
Dann sagte ausgerechnet er, der Lauteste, den Satz, der alles drehte: Wir brauchen mehr Regeln.
Der, der von der Regellosigkeit am meisten profitierte, forderte als Erster Struktur. Das war der Moment, in dem echte Selbstorganisation begann.
Was wir eingeführt haben
Wir haben das Governance-Meeting aus der Holakratie übernommen, mit leicht angepassten Regeln, und OKRs eingeführt. Also klare Regeln dafür, wie Rollen entstehen, wie Entscheidungen fallen und worauf alle zusteuern.
Der Effekt kam nicht als lautes Feuerwerk. Das Team meisterte eine Krise gemeinsam. Kolleginnen und Kollegen übernahmen in Eigeninitiative neue Rollen und lernten sie. Die Innovationskraft stieg. Ruhig, aber deutlich.
Warum das kein Zufall war
Die Natur zeigt dasselbe Muster. Ein Ameisenvolk hat keinen Chef, und die Königin gibt keine Befehle, ihre einzige Aufgabe ist es, Eier zu legen. Trotzdem baut das Volk Brücken und findet den kürzesten Weg zum Futter. Der Grund sind strenge, einfache lokale Regeln, denen jede einzelne Ameise folgt. Nimm diese Regeln weg, und aus dem Schwarm wird ein Haufen. Das ist seit Langem erforscht, unter anderem von der Biologin Deborah Gordon.
Auch in Organisationen ist der Befund ernüchternd. Selbstverwaltete Firmen, etwa nach Holacracy, schaffen die Hierarchie nicht ab. Studien zeigen, dass sie oft nur informell wird, und dass diese Modelle mehr explizite Regeln einführen, nicht weniger. Ehrlich dazu gehört: Die Studienlage hat einen Schlagseite, gescheiterte Einführungen werden seltener berichtet, und Verfechter wie Frédéric Laloux bestreiten das „zu viele Regeln“. Das Muster bleibt trotzdem sichtbar.
Deine Aufgabe
In einem selbstorganisierten Team verschwindet deine Führung nicht. Sie verschiebt sich, weg vom Entscheiden im Einzelfall, hin zum Entwerfen der wenigen Regeln, aus denen Ordnung entsteht. Das ist der Kern von Core OS.
Wenn du das nächste Mal ein Team von der Leine lässt, entscheidet eine Frage alles: Welche wenigen Regeln entwirfst du, damit aus Freiheit Ordnung wird? Beantwortest du sie nicht, übernimmt der Lauteste.
Ich hatte am Anfang keine Antwort. Die beste kam von dem, der am lautesten war.