Räume, die Mut günstig machen

Warum jemand in deinem Team die Wahrheit kennt und trotzdem schweigt, und wie du den Preis senkst, den das Aussprechen kostet.

Der Preis der Wahrheit

Jemand in deinem Team weiß, dass der Termin nicht zu halten ist. Dass die Annahme im Plan falsch ist. Dass die Entscheidung von oben gerade an der Realität vorbeigeht. Und diese Person sagt es nicht.

Das ist kein Charakterfehler. Mut hat einen Preis. Wer die unbequeme Wahrheit ausspricht, riskiert, inkompetent zu wirken, als Nörgler zu gelten, allein dazustehen. Solange dieser Preis hoch ist, schweigen kluge Menschen aus guten Gründen. Die Frage ist also nicht, wie du mehr Mut einforderst. Die Frage ist, wie du seinen Preis senkst. Genau das können Räume.

Warum keiner sie ausspricht

Schweigen ist der individuell rationale Zug. In der Forschung von Amy Edmondson und James Detert haben rund 85 Prozent der Beschäftigten schon einmal wichtige Informationen für sich behalten, aus Angst vor den Folgen des Aussprechens.

Das betrifft nicht nur die unteren Ebenen. Edmondson beschreibt Führungsteams, die sich über Monate um eine strategische Wende herumdrücken, weil alle um die Wahrheit herumreden. Genau das ist die teure Variante: nicht der laute Streit, sondern das höfliche Schweigen, in dem die entscheidende Information nie auf den Tisch kommt.

Psychologische Sicherheit ist kein Wohlfühlthema

Der Begriff dafür ist psychologische Sicherheit, geprägt von Amy Edmondson. Gemeint ist der geteilte Glaube, dass man mit Fragen, Bedenken, Fehlern und Widerspruch sprechen kann, ohne dafür bestraft zu werden. Entdeckt hat Edmondson das kontraintuitiv im Krankenhaus: Die besseren Teams meldeten mehr Fehler, nicht weniger, weil sie offen über sie reden konnten. Googles Project Aristotle fand denselben Faktor später als wichtigsten für die Wirksamkeit von Teams.

Wichtig ist, was psychologische Sicherheit nicht ist. Sie senkt nicht die Ansprüche. Erst zusammen mit hohen Standards entsteht die Lernzone, in der Menschen sich trauen und trotzdem liefern. Sie ist keine Kuschelecke, sie ist die Vorbedingung dafür, dass die Wahrheit überhaupt gesagt wird.

Mut ist eine Frage des Umfelds

Mut wird gern als Eigenschaft behandelt, die einer hat oder nicht. Die Praxis erzählt etwas anderes. Nicki Wiese, die mit ihrem Zukunftsbüro Menschen an der Schwelle zu großen Schritten begleitet, sagt es so: Mut ist auch eine Angelegenheit des Umfelds. Lassen die Leute nicht zu, dass jemand in den Mut hineinwächst, den ein Schritt kostet, kann diese Person noch so mutig sein wollen. Es braucht das Feld.

Und dieses Feld ist baubar. Nicki Wiese ist überzeugt, dass es gute Beziehungen braucht, damit mutige Geschichten einen stabilen Boden haben. Genau hier liegt die Brücke von deinem Titel zur Sache: Der physische Raum, das schöne Büro, ist Signal und Verstärker. Das Gewicht liegt auf dem sozialen Raum, auf den Beziehungen und der Erlaubnis, die den Preis des ehrlichen Wortes senken.

Was den mutigen Schritt zum leichtesten macht

Hier die Ansätze aus dem Café Courage, jeder der Person zugeordnet, die ihn genannt hat. Sie ordnen sich unter Edmondsons drei Bewegungen: die Aufgabe als Lernthema rahmen, zur Beteiligung einladen, auf das Gesagte wertschätzend reagieren.

Einen Raum bauen, in dem man aussprechen darf, ohne bestraft zu werden. Maik Puk, der immersive Veränderungsformate gestaltet, beschreibt seinen Kern als das Schaffen von Räumen für psychologische Sicherheit, in denen Menschen Mut haben, Dinge auszusprechen, ohne zu befürchten, dafür sanktioniert zu werden. Er baut solche Trusted Spaces schrittweise, stärkt statt zu bewerten, macht Fehler ausdrücklich erlaubt. Und er benennt den Preis für die Führung ehrlich: Sie muss die Kontrolle loslassen. „Let it go.“

Der kritischen Person eine wertige Rolle geben. Stefanie Klicks, die Organisationen und Schulen im Wandel begleitet, dreht den Umgang mit dem Widerspruch um. Statt die kritische Stimme zu umgehen, gibt sie ihr einen Platz, an dem ihre Qualität gefragt ist und wertgeschätzt wird. Aus dem Nörgler wird so ein Botschafter für die Sache. Ihre zweite Beobachtung: Die eigentliche Kunst ist, den Raum zu halten, wenn andere ihn längst schließen wollen, weil es schon vor zwei Jahren nicht geklappt hat.

Beziehungen abseits der Aufgabe stärken. Nicki Wiese berichtet aus ihrem Kernteam von wöchentlichen Check-ins, bewusst nicht über den Job, nur um die Verbindung zu stärken. Der stabile Boden entsteht vor dem mutigen Schritt, nicht durch ihn.

Gastgeberin des Raums sein. Bettina Müller, seit Jahren im Coworking-Bereich, nennt es die Seele eines Ortes. Jemand pflegt den Raum, gießt die Blumen, lädt ein. Der Raum wird zur Einladung, nicht zur Pflicht. Und in ihrem eigenen Team gilt: Jung hört auf Alt, Alt hört auf Jung, auch die Jüngsten denken gleichwertig mit. Beteiligung ist die Vorstufe des ehrlichen Worts.

Führung als Community-Arbeit verstehen. Heiko Kolz, der Kreativzentren aus Coworking und Handwerk baut, sieht die wichtigste Aufgabe der Führung darin, sich um die Menschen und den Ort zu kümmern und Türen aufzumachen. Er stellt flexible Experimentierräume bereit, in denen Neues entstehen darf, statt das Alte zu wiederholen. Eine Führungskraft, die sich in diesem Sinn selbst überflüssig macht, senkt den Preis dafür, dass andere vorangehen.

Der ehrliche Schluss

Mut lässt sich nicht anordnen. Sein Preis lässt sich senken. Ob die Wahrheit in deinem Team teuer oder günstig ist, entscheidet nicht der Charakter der Einzelnen, sondern der Raum, den du um sie herum baust. Bau ihn so, dass das ehrliche Wort der leichteste Schritt ist, nicht der teuerste.

DIE STIMMEN AUS DEM CAFÉ COURAGE

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Bettina Müller arbeitet bei Design Offices, einem Anbieter von Coworking-Räumen, und ist dort aus HR und Organisationsentwicklung in die Kommunikation gewechselt. Sie war fast von Beginn an dabei, als es vier Häuser gab, heute sind es 45. Ihr Thema: Räume und die Seele, die sie lebendig macht.

Nicki Wiese ist in der sozialen Innovation unterwegs, baut ein Institut für eine „Gestaltungsgesellschaft“ auf und betreibt mit ihrem Zukunftsbüro niederschwellige offene Sprechstunden für Menschen an der Schwelle zu ihren eigenen Schritten. Ihr Bild: auf zwei Pferden gleichzeitig reiten.

Heiko Kolz war Soldat und Dachdecker, studierte danach Volkswirtschaft und baut heute Kreativzentren, die Coworking und Handwerk verbinden, oft in denkmalgeschützten Immobilien. Er versteht sich zugleich als Geschäftsführer und Community-Manager.

Maik Puk gestaltet immersive Veränderungsformate wie „Inner Work“, „Mehr Wir“ und „Next Learning Labs“ und begleitet Teams und Organisationen im Wandel. Sein Handwerk ist das Bauen von Räumen für psychologische Sicherheit. Den Begriff „Change Agent“ mag er nicht.

Stefanie Klicks lebt in Berlin und begleitet Organisationen und Schulen im Wandel, aus einer früheren Rolle im Kulturwandel eines Konzerns heraus. Sie arbeitet gern mit offenen Formaten wie Barcamps und Marktplätzen, in denen Menschen ihre Ideen selbst gestalten.