Was ich bei der ersten OKR-Einführung über Fokus gelernt habe, und warum das Nachhalten mehr bewegte, als ich dachte.
Der Rhythmus, der Fortschritt zerhackt
In großen Organisationen läuft das Jahr in einem festen Takt. Sommerpause, dann passiert eine Weile wenig. Nach der Pause bricht die Hektik aus, irgendwie fertigzustellen, was man geplant hat. Jahresendrallye, Stress bis Silvester. Und danach erst mal wieder ein Vierteljahr Leerlauf.
Dieser Takt zerhackt den Fortschritt in Phasen aus Hektik und Stillstand. Zwölf Monate sind zu lang, um sie zu überblicken, und das Jahresziel ist zu weit weg, um heute etwas zu bewegen.
OKRs als Übersetzung der Jahresziele
Ich habe OKRs eingeführt, um das Große und Langfristige im Blick zu behalten und es zugleich in einen Zeitraum zu übersetzen, der handhabbar ist. Ein Zyklus über 100 Tage ist kurz genug, um überschaubar zu bleiben, und lang genug, um Dinge tatsächlich voranzubringen.
Wichtig war mir, an die bestehenden Jahresziele anzudocken, als deren praktische Übersetzung. Ich habe den größeren Rahmen und die übergreifenden Ziele gegeben. Das Team hat sich dann in Gruppen die Objectives erarbeitet und sie in einem zweiten Schritt zu Key Results heruntergebrochen. Gemeinsam, nicht von oben verteilt.
Die Überraschung: Wir haben sie kaum nachverfolgt
Wir haben die Key Results aufgeschrieben, ausgedruckt, an die Wand gehängt und dazu notiert, wer sich kümmert. Und dann haben wir in den 100 Tagen kaum an sie gedacht.
Zum Ende brach ein bisschen Hektik aus. Die Leute hatten das Gefühl: Wir haben das doch gar nicht richtig nachverfolgt, wir haben es nicht gemacht. Erst als wir uns nach 100 Tagen die Zeit für eine Reflexion nahmen, wurde sichtbar, was passiert war. Weil uns die Ziele bewusst waren, weil wir sie uns gemeinsam gesetzt hatten, hatten wir daran gearbeitet, ohne es im Kleinklein zu verfolgen. Über die 100 Tage war mehr passiert, als jeder von uns für möglich gehalten hätte.
Was das über OKRs verrät
Der Wert lag im geteilten Fokus, den die Ziele schufen, nicht im Nachhalten. Die meisten Teams drehen das um. Sie perfektionieren das Tracking, bauen Dashboards und Ampeln, und übersehen, dass die eigentliche Arbeit die gemeinsame Ausrichtung ist.
Ein ehrlicher Zusatz, damit daraus kein falscher Schluss wird: Die Reflexion am Ende der 100 Tage war nicht optional. Dort wurde der Fortschritt überhaupt erst sichtbar und einordbar. Das Nachhalten ganz wegzulassen, ist nicht der Rat. Der Rat ist, das Gewicht zu verschieben, von der laufenden Kontrolle hin zur geteilten Ausrichtung und zur ehrlichen Rückschau.
Der Effekt, den ich nicht erwartet hatte
Etwas Zweites geschah, das mich mehr beeindruckt hat als die Zahlen. Der Rahmen und der Anspruch, der mit den Zielen kam, brachten Menschen dazu, über sich hinauszuwachsen. Sie nahmen Rollen ein, die sie freiwillig vielleicht nie genommen hätten. Ihnen wurde klar: Hier muss etwas getan werden, das mache ich, ich versuche es.
Nach den 100 Tagen haben wir genau dieses Verhalten gefeiert. Es war das erste Mal, dass ich ein Team erlebt habe, das aus sich heraus seine eigenen Mitglieder für mutige Schritte feierte. Da standen Leute auf der Bühne, die sonst nie auf einer Bühne stehen würden.
Was nicht funktioniert hat
Zwei Dinge gehören zur ehrlichen Bilanz. Erstens haben wir nicht alle Key Results erreicht, und das war in Ordnung. OKRs sollen ambitioniert sein. Die Praxis unterscheidet verbindliche von ambitionierten Zielen, wir hielten es eher ambitioniert und rechneten damit, nicht alles zu schaffen. Unterwegs zeigte sich, dass manches nicht funktioniert wie gedacht, und diese Key Results sind eben nicht passiert. Das haben wir ganz organisch akzeptiert. Genau hier trennen sich OKRs von KPIs, die du erfüllen musst.
Zweitens, und das ist die härtere Wahrheit: Es hatte keinen Einfluss auf das System drumherum. Die Jahresziele blieben, wie sie waren, und das Management darüber hatte kein echtes Interesse, sich damit auseinanderzusetzen. Es blieb eine sehr positive Erfahrung im Team und für das Team. Skaliert hat es nicht.
OKRs sind ein Fokus-Instrument
Daraus ziehe ich meine Lesart. OKRs sind für mich ein Fokus-Instrument. Ihr Wert entsteht durch das Weglassen, durch die wenigen Dinge, die zählen, wenn keine Projektpläne mehr die Richtung vorgeben. Der häufigste Fehler ist, alles hineinzuschreiben, was man ohnehin tut, und sie so zu verkleideten KPIs zu machen.
Genau hier lösen sie das Rhythmus-Problem vom Anfang. Der 100-Tage-Zyklus bricht den zerstückelnden Jahrestakt in eine Kadenz, die kurz genug für den Überblick und lang genug für Wirkung ist.
Was das Team gewinnt, und was es nicht kann
OKRs geben dir nicht mehr Kontrolle, sie geben dir Fokus. Ein Team, das ihn teilt, bewegt mehr, als du erwartest, und traut sich mehr. Das ist real und im Team wiederholbar.
Eine Grenze bleibt trotzdem. Bei uns wirkte das alles im Team und fürs Team, auf die Ebene darüber hatte es keinen Einfluss. Ein Betriebssystem im Team ersetzt keine Ausrichtung oben. Bau es für den Wert, den es im Team schafft, und wisse zugleich, dass es von allein nicht nach oben skaliert. Das ist eine andere, härtere Aufgabe.





